Bald bin ich 50 – na und? Warum ich mein Alter ganz großartig finde.

Mit 20 oder 30 fand ich Menschen, die jenseits der 40 waren, mega alt. Über 50-jährige waren sowieso schon steinalt. Irgendwie komisch, wenn man wie ich gerade selbst mega steil auf die 50 zugeht. Ich kann den Tag schon fühlen, und ich bin schon in den Vorbereitungen für die große Party. Das wirft in mir natürlich Fragen auf: Bin ich jetzt über Nacht auch steinalt? Zähle ich zur älteren Generation? Bin ich nicht mehr zurechnungsfähig?

Möchtest du nochmal 20 sein?

Blicke ich zurück auf meine Zeit als Teenager muss ich zugeben, dass mir meine Eltern schon manchmal leid getan haben. Ich machte mir damals keine großen Gedanken darüber, ob mich meine Ausbildung zur Damenschneiderin ein Leben lang tragen und ernähren kann. Ich habe mir nicht die Frage gestellt, ob ich mit ein bisschen mehr Anstrengung in der Schule auch bessere Noten gehabt hätte. Ob mir Freundinnen gut getan haben oder ob es andere gegeben hätte. Ob es so fair war, dass meine Eltern sich nächtelang Sorgen gemacht haben, weil ich unbedingt als Mädchen Motorrad fahren wollte. Ich schwankte zwischen Popperscheitel und Punk, zwischen Minirock und schwarzen langen Mänteln. Ich war entweder ungeschminkt und natürlich, aber auch durchaus einmal zugekleistert mit allem, was der Markt an Schminke hergab.

Wenn ich die heutigen Teenager betrachte, muss ich ehrlich gestehen: Ich empfinde keinerlei Neid. Wir waren damals wesentlich freier unterwegs: Wir haben im Wald Baumhäuser gebaut, standen mit ausgestrecktem Daumen stundenlang an Landstraßen herum und versuchten, von A nach B zu trampen. Es gab keine fälschlicherweise auf Facebook geposteten Partys, auf denen wir dann doch keine Menschenseele kannten. Wir hatten ein Telefon – zeitweise noch mit Schnur und eingebautem Zählwerk – und haben uns nicht via WhatsApp verabredet. Unsere Freunde sagten nicht: „Äh, du! Ich weiß noch nicht genau. Mal warten welche Party heute noch gepostet wird“. Irgendwie war alles anders und wie ich finde schon besser. Auch wenn wir das damals natürlich alles ganz anders gesehen haben.

Das Leben ist bekanntlich kein Ponyhof – es ist irgendwas dazwischen

Ich habe aus Liebe und Überzeugung geheiratet, musste aber feststellen, dass so eine Ehe keine Lebensversicherung ist. Meine drei Kinder habe ich ohne Betäubungsmittel zur Welt gebracht – und darauf bin ich sehr stolz. Ich hatte vorher kein Handbuch und auch keinen Workshop, in dem mir erklärt wurde, wie das alles richtig zu laufen hat, damit es läuft. Das mit der Ehe und mit den Kindern. Selbstbestimmt weiterleben. Eigene Ideen verwirklichen. Zwischen Kindern und Haushalt trotzdem noch Frau sein. Auch mal nein sagen. Dass auch mit Kindern arbeiten möglich ist.

Eine Ehe kann schiefgehen – passiert tatsächlich. Damit vernünftig umzugehen ist das Wichtigste. Klappt leider nicht bei allen, aber der gute Wille wäre wünschenswert. Niemand hat uns irgendwann gesagt: „Wenn du heiratest, dann hast du alles richtig gemacht. Ab sofort hast du die Lebensversicherung für dich im Gepäck“. Eine Ehe – aber das gilt auch allgemein für jede Art von Partnerschaft – kann wunderbar funktionieren, wenn beide sich gleichermaßen entwickeln dürfen. Wenn alles auf Augenhöhe passiert.

Das Alter stimmt nachdenklich und man muss lernen, Grenzen zu setzen

Ich habe meine Teenagerzeit und all die Jahre zwischen damals und heute genossen. Im Nachhinein hatte alles seinen Sinn. Diesen Sinn zu erkennen fällt vielen schwer. Auch ich habe das erst lernen müssen. Ich kann sicherlich einige Dinge nennen, die ich heute ganz anders machen würde. Aber sie haben mich darin gestärkt und erst möglich gemacht, dass ich heute genau an diesem Punkt bin.

Ein guter Freund, der aus dem Westerwald stammt, sagte einmal zu mir: „Hinnerm Fluch is geackert“. Das ist Westerwälder Platt und heißt: Hinterm Pflug ist geackert. Und genauso ist es. Du kannst es maximal besser machen. Ändern kannst du an dem, was passiert ist, sowieso nichts mehr. Diesen Satz habe ich fast schon als mein neues Motto angenommen und es fühlt sich gut an.

Ganz ehrlich: Ich bin genau hier und jetzt richtig. Gerade in den letzten Jahren habe ich einige sehr wichtige Entscheidungen für mich getroffen, die ich einfach treffen musste. Warum? Weil ich sonst auf der Stelle stehengeblieben wäre, mich niemals weiterentwickelt hätte. Nicht hätte weiterentwickeln können. Leicht gefallen ist es mir nicht: Ich hatte die oben beschriebene „Lebensversicherung“ und musste mir keine großen Sorgen machen. Aber ist das immer alles? Wie sieht es mit der eigenen Entwicklung aus und was ist, wenn die auf der Strecke bleibt?

Recht hat er, der Johannes

Johannes Oerding bringt es in seinem Lied „Hundert Leben“ auf den Punkt. Ich möchte einfach daraus zitieren, weil ich es besser nicht ausdrücken könnte:

Wir haben viel erlebt
‚Ne Geschichte, die uns ewig bleibt
Und haben viel gesehen
Dass es gut für hundert Leben reicht
Ohne unser gestern würd‘ ich mich heut nicht so auf morgen freuen
Ist es nicht das, was zählt
Eine Zeit
Die gut für hundert Leben reicht

(Zitat aus dem Song „Hundert Leben“ von Johannes Oerding)

Dreht die Musik ganz laut

Nun rückt der große Tag immer näher. Ich bin mir sicher, ich werde mich genauso fühlen wie jetzt – und das könnte besser nicht sein. Ok, es wird im Laufe der nächsten Jahre doch mehr zwicken an manchen Stellen. Der Rücken – ihr wisst schon. Aber wenn man glücklich ist, kann einem doch so ein bescheuerter Rücken nichts groß anhaben, oder? Jetzt zähle ich die Stunden, die Uhr tickt, und ich freue mich riesig auf den Tag der Tage.

Ich werde feiern, dass es kracht. Und ich bin mega stolz, dass all meine lieben Freunde – teilweise von weit her – mit mir feiern. Getreu dem Motto „Platz ist in der kleinsten Hütte“ wird es ganz schön kuschelig an dem Tag in unserer Wohnung.

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